Lebendige Bibliothek

Lebendige Bibliothek  

Kurz vor dem Sommer erreichte mich die Anfrage, ob ich in diesem Jahr mit meiner Geschichte des unerfüllten Kinderwunsches an der lebendigen Bibliothek teilnehmen möchte.  

Die lebendige Bibliothek ist ein Format, bei dem Menschen mit einer nicht alltäglichen Lebensgeschichte o.ä. einer kleinen Gruppe von Menschen (ca. 8 Personen) ihre Geschichte erzählen. Dieser intimen Rahmen bietet genügend Platz für Austausch und Fragen.  

Direkt habe ich zugesagt und zugleich kam die Frage auf, wie ich meine Geschichte wohl am besten darstellen kann.
Wer mich kennt, weiß, dass ich in die Vollen gehe, wenn mich etwas begeistert.
Von Beginn an war es mir wichtig, die Menschen diese Geschichte "durch meine Augen” sehen zu lassen. Sie sehen zu lassen, wie meine Welt in dieser Zeit aussah. Grau, kalt, trostlos und einsam.  
Und so wurde das Fotoprojekt “
manushya|menschlich|menschsein” geboren.  

Wochenlang kramte ich in den Erinnerungen und Erfahrungen meiner Kinderwunschreise, viele davon vergraben und nur noch bruchstückhaft erreichbar. Alles packte ich nochmal aus. Meine gesamte Kinderwunschzeit. Alles vom 4. Juli 2018 bis heute.
Meine Steifschwester Monika und ich trafen uns über mehrere Wochen, besprachen meine Erfahrungen und Erinnerungen. Wir arbeiteten Kernthemen aus, Monika übersetzte diese in Bildideen und entwarf ein Konzept. 

manushya erzählt meine Geschichte mit folgenden Schwerpunkten: 

  • Künstliche Befruchtung 

  • Paarbeziehung 

  • Psychische Auswirkungen 

  • Gesellschaft 

  • Selbstbild 

  • Rollenbild 

  • Ängste, Hoffnung und Zweifel 

  • Perspektivlosigkeit 

  • … 

Dieses Projekt war für mich eine wunderbare Vorbereitung auf die lebendige Bibliothek, da ich die Gelegenheit hatte, mich ganz bewusst mit meiner Geschichte auseinander zu setzen und sie mir in vollem Umfang anzuschauen.
Mit all ihren Höhen und Tiefen. Mit Ängsten und Zweifeln. Mit Neugier und Freude.  

Einige der Fotos von manushya haben mich zur lebendigen Bibliothek begleitet. 

Ich tauschte mich mit Freunden und Familie aus und durchlebte diese Zeit noch einmal, auf einmal, alles gleichzeitig. Und ich las mein Tagebuch aus dieser Zeit. Ein Auszug aus diesem sollte meine Geschichte, die ich bei der lebendigen Bibliothek teilte, einleiten.  

Zugegeben, ich war erschrocken und beeindruckt zugleich zu lesen, was ich in der Zeit geschrieben habe. Viele unterschiedliche Bilder erschienen vor meinem inneren Auge und es schien als könne ich von außen sehen, wie es mir in dieser Zeit ging und was in mir vorging. Rückblickend erscheint es mir fast noch intensiver, als ich es schon zu der Zeit empfunden habe.  

Der für mich größte Stressfaktor waren die 20 Minuten Redezeit, die mir bei der lebendigen Bibliothek zur Verfügung standen.
Wie sollte ich meine Geschichte und all das, was mir wichtig ist, in nur 20 Minuten erzählen?
Wo fange ich an? Wo höre ich auf?
Was ist mir am wichtigsten? 
Eine schier unlösbare Aufgabe!

Diese Überforderung führte dazu, dass ich bis zum Beginn der Veranstaltung nicht genau wusste, was ich erzählen würde.  
Eine Stunde vor Beginn brach dann die Panik und ich in Tränen aus. Ich begann mir zu überlegen, wie ich wohl aus dieser Nummer wieder rauskomme. Ich ließ meinen Emotionen freien Lauf, setzte mich in’s Auto und startete. Monika war glücklicherweise schon vor Ort, was mir Sicherheit gab und mich beruhigte. 

Im Laufe der letzten Jahre habe ich meine Geschichte oft erzählt. Jedoch immer nur Ausschnitte davon, nie die “ganze” Geschichte.
Das hier war eine ganz neue Erfahrung für mich.  

Als die Fotos aufgehängt waren und ich meinen Platz eingenommen habe, beruhigte ich mich langsam. Auch, wenn ich noch immer nicht wusste, was genau ich erzählen würde. Den Anfang hatte ich ja zumindest schon, einen Auszug aus meinem Tagebuch.  

“Heute könntest du das Licht der Welt erblicken... Aber du bist noch nicht da, noch nicht hier, noch nicht bei uns... Wann wirst du hier sein? Wirst du jemals kommen? Werden wir dir jemals sagen können, wie sehr wir dich lieben? Oder werden wir dich für immer nur im Geiste mit unserer Liebe überschütten können?...  16. Januar 2020” 

So ließ ich mich auf das Abenteuer “lebendige Bibliothek” ein.  

Meine Geschichte führte von der hormonellen Stimulation über die künstlichen Befruchtungen, den Einfluss auf meine Ehe, Freundschaften und das Familienleben, mein Selbst- und Rollenbild, psycho-soziale-Faktoren, die Ängste und Zweifel, der Neid und die Missgunst, die endlos große Hoffnung und die unzähligen Enttäuschungen, die Konfrontationen mit den Reaktionen aus dem Umfeld... hin zu den Erfahrungen, Möglichkeiten und Chancen, die sich für mich ergeben haben. Dahin, wo ich heute stehe. Mitten im Leben. Genau hier.  

Leben. Lebensfreude. 
Im Leben. Am Leben. Etwas, das mir lange Zeit nicht zugänglich war.
Etwas, das ich verloren hatte auf meiner Kinderwunschreise.
Eine Reise, die mich bis heute nicht zu meinem Wunschkind gebracht hat, aber dafür ein ganzes Stück mehr zu mir selbst.  

Dankbar.  
Dankbar für die Erfahrungen und Begegnungen. Zu sehen, dass ich mit diesem Thema nd allem, was es mit sich bringt, nich alleine bin. Zu sehen und zu erleben, was daraus entstanden ist – siehe lebendige Bibliothek, manushya, meine Herzensarbeit “deine Wunschkindzeit”. Dankbar für meinen Ehemann, Freunde und Familie, meine Gesundheit, meinen Körper... Dankbar für alle, die mich ein Stück auf meinem Weg begleitet haben und noch begleiten.  
Dankbar für mich und mein Leben. 

Demütig.  
Ich bin nicht allmächtig. Keiner von uns ist das. Niemand. Wir können nicht alles steuern, wir können nur das Beste geben.  

Die lebendige Bibliothek war eine wunderbare Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.  
Sowie für jeden, der an diesem Abend da war. Sei es physisch oder in Gedanken.
Für all die Fragen, das Interesse, den Austausch und den Zuspruch.

Danke ❤ 

Herzlich 
Jennifer 

 

 

 

 

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